Vorlesungsreihe Kognitive Literaturwissenschaft Bestandsaufnahme und Perspektiven

 

Freitag, 11.07.2014, 14.45 Uhr

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‚Rezeptionstheorie reloaded‘ - Rezeption als Schnittpunkt kognitiver und kulturwissenschaftlicher Ansätze in der Literaturwissenschat: Ein Beitrag zur Überwindung eines unsinnigen Gegensatzes.", PD Dr. Sven Strasen

Welche Faktoren spielen bei der Bedeutungszuweisung in literarischen Rezeptionsprozessen eine Rolle? Der Text? Kognitive Dispositionen der LeserInnen? Der soziale Kontext? – Wer sich jemals auch nur ein wenig mit Rezeptionsprozessen auseinandergesetzt hat, wird – wie auch die meisten RezeptionstheoretikerInnen – sofort „alle drei“ antworten. Umso überraschender ist es, daß sich die literaturwissenschaftliche Rezeptionstheorie über lange Zeiten ihrer Geschichte damit vergnügt hat, darüber zu streiten, welcher dieser Faktoren nun entscheidend für die Bedeutungszuweisung durch LeserInnen ist, anstatt ihrer wechselseitigen Beeinflussung und den Modi dieser Interaktion nachzuforschen. Erst in den letzten Jahren mehren sich die Ansätze, die, etwa unter dem Einfluß der kognitiven Pragmatik, der kognitiven Kulturanthropologie und der Forschung zur künstlichen Intelligenz, Bedeutungszuweisung und Literaturrezeption als dynamischen, interaktiven Prozeß zu modellieren versuchen. Der Vortrag zeichnet diese Entwicklung kurz nach und versucht, die zahlreichen interdisziplinären Anregungen zu einem heuristischen Modell literarischer Rezeptionshandlungen zusammenzuführen. Dabei wird zugleich deutlich werden, daß die Situation in der literaturwissenschaftlichen Rezeptionsforschung kein isoliertes Phänomen ist. Die drei Faktoren, deren Einfluß in der Rezeptionstheorie lange so umstritten war, entsprechen nämlich nicht zufällig den in der Kultursemiotik konstatierten Dimensionen der Kultur – der sozialen, der materiellen und der mentalen Dimension. Es ist meine Hypothese, daß in den verschiedenen Disziplinen der Kulturwissenschaft – zum Teil unter dem Deckmantel theoretischer Innovation – der lang überwunden geglaubte Konflikt zwischen kulturalistischen und kognitivistischen Erklärungansätzen menschlichen Verhaltens fröhliche Urständ feiert. Es wird deshalb abschließend zu fragen sein, ob aus den Erkenntnissen, die am Einzelfall der literaturwissenschaftlichen Rezeptionstheorie erarbeitet worden sind, weitergehende Perspektiven für die Kulturwissenschaften abgeleitet werden können, die über vollmundige Programmerklärungen und die Gründung immer weiterer Zentren für „Culture and Cognition“ hinausgehen und die diesen unsinnigen Konflikt überwinden helfen können.